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"Unrein"

©2021 Friedrich Gasper

Meinen Namen werde ich ihnen aus guten Gründen nicht nennen. Nur so viel sei gesagt, dass ich einer der zehn Aussätzigen bin, die von Jesus geheilt wurden. Sie kennen wahrscheinlich die Geschichte aus dem Bericht von Lukas. Ich bin nicht der eine der nach der Heilung zurückkehrte um sich zu bedanken. Nein, ich bin einer der neun anderen. Bevor Sie mich, wie die meisten, jetzt in Bausch und Bogen verurteilen, hören Sie sich bitte meine Version der Geschichte an und urteilen erst dann, wenn Sie alle Fakten kennen.  
Angefangen hat es damit, dass ich eines Morgens einen kleinen, harmlos aussehenden, weißen Fleck auf meiner rechten Hand entdeckte. Meine Frau meinte: „Das musst du unbedingt Levi zeigen. Das könnte Aussatz sein.“

„AUSSATZ“ war zu meiner Zeit ein Schreckenswort wie heute bei ihnen Corona. Unsere Mediziner kannten die bakteriellen Ursachen dieser Hauterkrankung noch nicht und schrieben sie dem Wirken von Dämonen zu. Damit fiel die Erkennung und Behandlung automatisch in den Aufgabenbereich von Priestern. Moses widmete im dritten Band der Thora diesem Problem gleich zwei Kapitel.
Und nun kam Levi ins Spiel. Als Junge und Sohn eines Weinhändlers war er sehr umgänglich und in der Gemeinde sehr beliebt gewesen. Sie unterstützte daher auch sein Vorhaben in Jerusalem ein Thorastudium aufzunehmen. Aber nach seiner Rückkehr als junger Rabbi in unsere Gemeinde, hat sich sein Charakter sehr geändert. Er hatte einiges von der Arroganz angenommen, die viele Pharisäer gerne zeigen. Ich war nun sein erster Fall, wo er ein Gutachten über Aussatz erstellen sollte. Entsprechend wichtig kam er sich vor, als er die Schriftrolle mit dem Kapitel 13 aus dem dritten Buch der Thora ausrollte und mit salbungsvoller Stimme daraus vorlas.

Wie ein Priester Aussatz bei Menschen feststellt
Der Herr sagte zu Mose und Aaron: Wenn bei einer Person Verdacht auf Aussatz besteht, soll man sie zu einem Priester bringen –zu Aaron oder zu einem seiner Söhne. Anzeichen für Aussatz können sein: eine Schwellung, ein Ausschlag oder ein weißer Fleck auf der Haut. Der Priester soll die betroffene Stelle untersuchen. Es ist wirklich Aussatz, wenn Folgendes zutrifft: Das Haar dort ist weiß geworden und die Stelle liegt tiefer als die übrige Haut. Dann soll der Priester die Person für unrein erklären. Ist das Haar nicht weiß und die Stelle nicht tiefer, soll der weiße Hautfleck beobachtet werden. Dazu soll der Priester den Kranken absondern. Der soll sieben Tage lang zurückgezogen leben. Danach soll der Priester ihn wieder untersuchen. Stellt er am siebten Tag keine Veränderung fest, soll er ihn noch einmal sieben Tage absondern. Der weiße Hautfleck darf nicht größer geworden sein. Danach soll der Priester ihn noch einmal untersuchen. Stellt er am siebten Tag fest, dass es besser geworden ist, soll er den Betroffenen für rein erklären. Der Hautfleck darf nicht größer geworden sein, sondern muss zurückgegangen sein. Dann ist es nur ein harmloser Ausschlag. Der Betroffene soll seine Kleidung waschen und gilt wieder als rein.

Für mich bedeutete das zwei Wochen Quarantäne. Das klingt auf den ersten Blick gar nicht so schlimm. Aber zwei Wochen eingeschränkter Kontakt zur Familie und kein Kontakt zur Gemeinde können sehr lang und sehr einsam werden. Schlimmer noch war aber, dass ich als Weinhändler mich in dieser Zeit nicht selbst um mein Geschäft kümmern konnte. Viele Kunden sind in der Zeit abgesprungen und kauften ihren Wein jetzt bei Levis Vater. Und auch der ein oder andere Lieferant, wollte mit meiner Firma keine Geschäfte machen solange mein Zustand nicht geklärt war.
Dann kam der Tag, an dem Levi den kleinen weißen Fleck auf meiner Hand wieder überprüfen sollte. Ich war ja der Meinung, dass er sich nicht verändert hatte. Levi sah das anders. Er runzelte die Stirn, was er immer tat wenn er bedeutungsvoll aussehen wollte und sprach dann die vernichtenden Worte: „DU BIST UNREIN“ Anschließend las er, mit salbungsvoller Stimme, die entsprechenden Anweisungen aus der Thora vor.

Grundsätzliche Bestimmung zum Verhalten bei Aussatz
Jeder, der an Aussatz erkrankt ist, soll sich folgendermaßen verhalten: Er soll zerrissene Kleidung tragen, seine Haare frei herunterhängen lassenund Mund und Kinn verhüllen. Außerdem soll er rufen: „Unrein, unrein!“ Solange er die kranke Stelle hat, gilt er als unrein. Deshalb soll er abgesondert wohnen und sich außerhalb des Lagers aufhalten.

Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Aber die Erde tat sich nicht auf. Ich stand da hilflos vor der Menge und alle starrten  mich an. Niemand sagte etwas – kein Wort des Mitleids -  kein Hilfsangebot - und dann waren plötzlich, bis auf Levi, alle verschwunden. Levi sagte auch nichts sondern wies nur mit dem ausgesteckten rechten Arm in Richtung Nordtor. Das sind so Momente, in denen man seine wahren Freunde kennen lernt.
Wie in Trance ging ich erst langsam aber dann immer schneller zum Nordtor. Zum Schluss bin ich nur noch gerannt. Draußen vor dem Tor besaß ich noch ein Haus, das ich in den letzten Jahren vollkommen vergessen und deshalb auch vernachlässigt hatte. Da wollte ich mich verkriechen.
Als ich dem Haus näher kam, sah ich, dass da Leute waren und mitten unter ihnen mein Knecht und Verwalter Laban, der kleine und große Pakete unter ihnen verteilte. Ich hatte ihn schon länger im Verdacht, dass er aus meinem Hausstand immer wieder etwas abzweigte. Jetzt konnte ich mit eigenen Augen sehen, was er damit machte. Früher hätte ich ihn sofort entlassen und wegen Veruntreuung angezeigt. In meiner jetzigen Situation konnte ich ihm aber nicht böse sein, zumal da die Leute, die er mit Dingen des täglichen Bedarfs aus meinem Haushalt unterstützte, wie ich selbst Aussätzige waren.

Erinnert Sie das an die Geschichte vom untreuen Verwalter, die Lukas erzählt? Obwohl es da Parallelen gibt, möchte ich doch betonen, dass es sich bei der Geschichte von Lukas nicht um Laban und mich handelte. Im Gegensatz zum Verwalter bei Lukas handelte Laban völlig selbstlos, einfach nur, weil er Mitleid hatte.
Wir waren insgesamt zehn Personen aus allen Gesellschaftsschichten, darunter unter anderem auch ein Samaritaner. Durch unser gemeinsames Schicksal verloren aber alle gesellschaftlichen Unterschiede ihre Bedeutung. Es ging nur noch darum gemeinsam den nächsten Tag so gut wie möglich zu bestehen. Während wir auf Laban warteten, beteten wir auch täglich gemeinsam zu Gott, dass er uns Hilfe schicke. In unserer großen Not und Hoffnungslosigkeit spielten unterschiedliche religiösen Auffassungen  eines jeden von uns keine Rolle mehr. Es war egal ob man nun zu den Pharisäern, den Sadduzäern, Essenern oder zu den Zeloten gehörte. Auch der Samaritaner konnte sich an unseren Gebeten beteiligen. Für ihn hatten wir sogar extra die Richtung nach Garizim, dem heiligen Berg der Samaritaner, markiert.
Unsere Gebete wurden scheinbar erhört, denn eines Morgens kam Laban ganz aufgeregt zu uns und rief schon von weitem: „Auf, ihr müsst los. Jesus ist ganz Nähe.“ Die meisten meiner Leidensgenossen guckten genauso verständnislos wie ich. „Wer ist Jesus? Warum müssen wir dann los?“ Nur ein oder zwei Leute aus unserer Gruppe hatten bis dahin schon mal was von Jesus gehört und erzählten von ihm: „Jesus ist ein Rabbi aus Nazareth, der durch die Gegend zieht und von Gott erzählt. Aber er redet nicht nur von Gott. Man sagt, dass Gott ihm die Fähigkeit gegeben habe, Krankheiten zu heilen.“ Wir sahen uns verwundert an. „Aus Nazareth, ausgerechnet aus dem verrufenen Nazareth soll er kommen“ Aber in der verzweifelten Lage, in der wir uns befanden, greift man nach jedem Strohhalm, selbst wenn er aus Nazareth kommt. Laban meinte auch, dass wir keine bessere Wahl hätten und er hat auch schon all die Opfertiere und Gegenstände mitgebracht, die man zur Reinigung vom Aussatz braucht. Moses hat im dritten Band der Thora, im 14. Kapitel, die komplizierten Anweisungen dazu beschrieben. Sie sind so ausführlich und so kompliziert, dass ich sie hier nicht wiedergeben kann. Lesen Sie also bitte selbst in der Thora nach. Laban drängelte: „Los, macht euch auf, damit ihr Jesus noch findet, solange er hier in der Gegend ist.“ So zogen wir dann los mit gemischten Gefühlen von Hoffnung einerseits und Verzweiflung andererseits.
Nach zwei Tagen fanden wir Jesus an der Grenze zwischen Samaria und Galiläa. Wir hielten natürlich vorschriftsmäßig Abstand und riefen ihm von weitem zur: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Was dann geschah war verblüffend einfach und völlig unspektakulär. Es gab kein Reinigungszeremoniell und es wurden keine Opfertiere geschlachtet. Jesus sah uns nur an und sagte dann: „Geht und zeigt euch den Priestern.“ Das war alles. Einfach nur „Geht und zeigt euch den Priestern“. Dafür waren wir zwei Tage zu Fuß nach Galiläa gelaufen. Auch Laban war fassungslos und zuckte mit den Schultern. Die Opfertiere, das Öl, das Mehl und alles andere, das er für die vorschriftsmäßige Reinigung nach der Heilung vom Aussatz besorgt hatte waren völlig umsonst. Enttäuscht machten wir uns mit hängenden Köpfen auf den Weg zurück nach Jerusalem.  
Wir waren kaum eine Meile gegangen, da stieß der Samaritaner plötzlich einen Freudenschrei aus, den man bestimmt noch in dem Dorf gehört hat, wo wir Jesus getroffen hatten. „Halleluja, Lobet den Herrn!“ Er tanzte wie besessen herum und riss sich die Kleider vom Leib. Als wir ihn verwundert anstarrten schrie er noch lauter: „Guckt doch, was seht ihr? Nix! Gar nix!  Meine Haut ist rein. Nicht die kleinste Spur von Aussatz. Halleluja!“ Tatsächlich war auf seiner Haut keinerlei Ausschlag mehr zu sehen. „Und ihr, schaut euch doch mal selbst an! Bei euch ist der Aussatz auch verschwunden! Dieser Jesus ist der Größte! Halleluja!“ Es dauerte einen Moment, bis wir realisiert hatten, was geschehen war. Aber dann waren wir genauso aus dem Häuschen wie der Samaritaner. Und auch Laban freute sich, weil es seine Initiative war, die uns auf den Weg gebracht hatte. Er war es auch, der uns, nachdem wir uns wieder einigermaßen beruhigt hatten, daran erinnerte, dass die Heilung vom Aussatz noch nicht gleichbedeutend damit war, dass wir nun auch wieder rein wären. Dazu war noch ein langwieriges und kompliziertes Reinigungszeremoniell notwendig, das nur ein Priester leiten konnte. Wir mussten also zurück nach Jerusalem zum Tempel.
Bei der Erwähnung des Tempels verzog der Samaritaner das Gesicht und druckste ein wenig herum. „Ich will nicht undankbar sein, wo ihr mich doch so freundlich in eure Gemeinschaft aufgenommen habt, aber zum Tempel kann ich nicht mitgehen. Als Samaritaner wende ich mich lieber unserem heiligen Berg, dem Garizim zu. Vielleicht treffe ich auch noch mal auf Jesus und kann man mich dann persönlich bei ihm bedanken.“ Dann packte er seine Sachen zusammen und kehrte um.
Der Gedanke, dass ich mich bei Jesus persönlich bedanken sollte, ist mir auch schon gekommen und im Nachhinein weiß ich, dass es besser gewesen wäre, den Samaritaner zu begleiten. Dafür, dass ich es nicht getan habe, schäme ich mich noch heute. Aber in dem Moment wollte ich erst die Reinigung hinter mich bringen. Jesus war ja auf dem Weg nach Jerusalem und ich dachte, dass ich ihn da noch mal treffen würde und dann könnte ich mich ja immer noch bei ihm bedanken. Leider kam es aber nicht mehr dazu. Jesus wurde in Jerusalem verhaftet und hingerichtet und ich hatte keine Chance mehr an ihn ranzukommen, weil ich viel zu viel mit mir selbst beschäftigt war.

Durch das Zeremoniell galt ich zwar offiziell als rein, aber die meisten Leute in meiner Gemeinde mieden mich trotzdem. Niemand wollte mich auf den Aussatz ansprechen, aber jeder sah mich misstrauisch an. Ich konnte ihre Gedanken raten. Man hatte immer noch Angst, dass der Aussatz wieder zurückkommt. Da hielt man vorsichtshalber Abstand. Mein Weingeschäft war auch ruiniert, weil keiner mehr bei mir kaufte und auch niemand mich belieferte. Alle meine ehemaligen Kunden und Lieferanten waren zu Levis Vater übergelaufen. Am Ende musste ich aufgeben.
Ich habe dann meinen Namen geändert und bin weggezogen, dahin wo keiner mich und meine Vorgeschichte kennt. Deshalb werde ich auch jetzt meinen Namen und meinen neuen Wohnort nicht nennen. Nur so viel sei gesagt. Es gibt hier eine christliche Gemeinde, der ich mich angeschlossen habe. Da habe ich auch beten gelernt und so kann ich Jesus doch noch danken und ihn um Vergebung dafür bitten, dass ich nicht gleich umgekehrt bin.

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